Die Berufslehre gerät von akademischen Kreisen in die Kritik. Doch braucht die Schweiz tatsächlich mehr Gymnasiasten und Studenten?

Alt Nationalrat Rudolf Strahm (SP) verdanken wir die aufschlussreiche Beobachtung, dass Ernst Buschor bei der Denkfabrik Avenir Suisse als Berater wirkt. Dort sei er, so Strahm, die treibende Kraft hinter der Kritik an der Berufslehre. Kritik an der Berufslehre? Spätestens hier reibt man sich die Augen. Zu einem Zeitpunkt, da viele Länder in unserer unmittelbaren Nachbarschaft schmerzhaft lernen, dass sie mit der Akademisierung ihrer Bildungswelt auf dem Holzweg sind (teilweise sind über 50 Prozent der Jugendlichen arbeitslos), sägt Herr Buschor am Schweizer Bildungsbaum.

Kritik an der Berufslehre und am dualen Ausbildungssystem ist zwar nicht neu und im Welschland gar verbreitet, aber bei Avenir ­Suisse erfolgt diese zum ersten Mal mit ­wirtschaftswissenschaftlichem Anstrich. Kritik von dieser Seite an der arbeitsmarktlich und wirtschaftlich überlegenen Berufslehre – das ist allerdings neu. Stichhaltig wird die ­Kritik aber auch mit diesem Anstrich nicht. Hier wäre es eigentlich an den Geldgebern aus der Wirtschaft, der Denkfabrik das Denken beizubringen.

Aber nicht nur Ernst Buschor, auch andere haben sich aufgemacht, das bewährte Schweizer Nebeneinander von Berufsbildung und Allgemeinbildung in Zweifel zu ziehen. Wie immer, wenn etwas Bewährtes auf den Kopf gestellt werden soll, finden sich wortreich die Verkünder einer neuen Zeit ein.

Einer, der sich bei diesem Unterfangen besonders hervortut, ist Philipp Sarasin von der Uni Zürich. Seine Forderung ist einfach, er will mehr Maturanden und weniger Lehrlinge. Auch was er sich davon verspricht, ist einfach: eine klügere Bevölkerung, weniger Akademiker aus dem Ausland und – wie eigentlich immer, wenn es ums Schrauben am Bildungssystem geht – mehr Bildungsgerechtigkeit. Doch der Reihe nach.

Beginnen wir mit der klügeren Bevölkerung. Eine klügere Bevölkerung würde natürlich viel stärker auf die Uni Zürich als auf ihr Bauchgefühl hören. Sinnvoll wäre das vor dem Hintergrund der Vorläufigkeit und Kontextabhängigkeit vieler wissenschaftlicher Befunde nicht. Beide Systeme, Politik und Wissenschaft, leisten wichtige gesellschaftliche Beiträge. Die Wissenschaft kann aber nicht die Aufgabe der Politik übernehmen, verbindliche und dauerhafte Entscheide herbeizuführen.

Wahrheit und Einsicht – das Ziel aller Wissenschaft – sind nicht einfach da und für ein paar Eingeweihte erkennbar, auch wenn uns dies die Frank A. Meyers, Philipp Sarasins oder auch die Club Helvétique dieser Welt glauben machen wollen. Wahrheit und Einsicht werden durch Menschen gemacht. Erkenntnis ist abhängig von Raum und Zeit. Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Befunden und wissenschaftlichen Forderungen an die Politik ist damit Pflicht. Eine solche Aussage wird in einigen Kreisen bereits als akademikerfeindlich eingestuft. Bei Sarasin heisst das sogar «traditionelle Akademikerfeindlichkeit». Dabei ist Skepsis ein Muss. Diese Skepsis wäre aber sicher nicht Gegenstand einer Allgemeinbildung à la Sarasin; und das gute Bauchgefühl schon gar nicht.

Die Akademiker aus dem Ausland sind Prof. Sarasin ein zweiter Dorn im Auge. Der Ansatz Sarasins, selber mehr Maturanden hervorzubringen, ist allerdings eine teure Symptombekämpfung und löst das Problem nicht. Der Ruf nach einer akademischen Selbstversorgung der Schweiz ist etwa ähnlich verwegen, wie es der Ruf nach einer landwirtschaftlichen Selbstversorgung der Stadt Zürich wäre. Das Wirtschaftswunderland Schweiz hat einen Akademikerbedarf, der vor allem im Bereich der exakten Wissenschaften das einheimische Potenzial weit übersteigt. Hier ist Realitätssinn angebracht. Die Qualität, die wir brauchen, können wir nicht in der geforderten Quantität produzieren. Eine gymnasiale Anbauschlacht à la Sarasin würde die universitäre Rösti nicht besser machen.

Viel wichtiger ist die Frage, weshalb wir für immer mehr Ausbildungen überhaupt eine Matura vorschreiben. Dort müsste der bildungspolitische Hebel angesetzt werden. ­Unser Leben wird nämlich nicht immer komplexer, wie uns das die Vertreter der Bildungsindustrie weismachen wollen. Täglich komplexer wird nur die Bildungsindustrie – und teurer notabene.

Damit sind wir bei der Bildungsgerechtigkeit angelangt. Das selektive Schweizer Schulsystem ist der dritte Dorn in Philipp Sarasins Auge. Selektion ist aber nichts Schlechtes, sondern etwas Gutes. Im Schweizer Schulsystem ist Selektion nämlich nichts Endgültiges. Nach dem Motto: «Kein Abschluss ohne Anschluss» bleibt in der Schweiz jeder Bildungsweg nach oben offen. Damit gelingt dem Schweizer Schulsystem das, was in vielen anderen Schulsystemen weltweit ein leeres Versprechen bleibt: Es schafft gleichzeitig Fundamente und Chancen. Darin kann ich keine Ungerechtigkeit erkennen. Im Gegenteil.

Eine späte schulische Selektion, das zeigt zum Beispiel ein Blick nach Deutschland ganz eindeutig, erhöht nur die Fallhöhe für die ­Betroffenen. Zu einem Zeitpunkt, da viele Schweizer Jugendliche bereits einen Lehrabschluss im Sack haben und für sich selber sorgen können, stehen in später selektionierenden Systemen viele Jugendliche vor dem Nichts. Wo genau Philipp Sarasin hier Bildungsgerechtigkeit erkennen kann, ist und bleibt mir schleierhaft.