(15.6.22, Beitrag im SVP Akutell der Sektion Cham)

Nach der Krise ist in der Krise
Schon die Corona-Pandemie hat die gemeindlichen Schulen enorm gefordert. Als der Bund am 16. Feburar alle Massnahmen per Anfang März aufhob, war die Erleichterung an den Schulen gross: Endlich durchschnaufen! Leider änderte sich die Ausgangslage bereits am 24. Februar wieder mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine und der damit verbundenen Fluchtwelle. Am 3. März orientierte ich per E-Mail alle Rektorate und Schulpräsidien über die aktuelle Lageeinschätzung: Schweizweit bis zu 70‘000 Flüchtlinge aus der Ukraine bis im Herbst, davon 30-50 % Kinder im schulpflichtigen Alter.

Führungsfähigkeit
Weil Führungsfähigkeit in Krisen das Wichtigste ist, wurde seitens Bildungsdirektion ein Koordinator bezeichnet. Es wurde ein wöchentlicher Skype-Rapport aufgesetzt, wo sich alle Involvierten austauschen können und Probleme identifizieren (= eine Lehre aus Corona). Zudem bezahlt der Kanton allen gemeindlichen Rektoraten ein 50-Prozent-Pensum, um die organisatorischen und pädagogischen Fragen vor Ort klären zu können. Schliesslich war klar, dass wir grundsätzlich in der «Regelstruktur» bleiben müssen (= auch das eine Lehre aus Corona), sprich die Gemeinden für die Beschulung der Kinder zuständig sind – wie es das Schulgesetz vorsieht.

Integration oder Separation
Die Integration fremdsprachiger Kinder in die Regelklassen ist für die Schulen aufwendig, auch wenn sie es aus Nicht-Krisen-Situationen durchaus gewohnt sind. Deshalb machte der Kanton keine Vorgabe, ob sie einen integrativen (= Kinder in die Regelklasse) oder einen separativen Ansatz (= Kinder in Spezialklassen) zu wählen haben. Zu unterschiedlich sind die Situationen
vor Ort. Es gibt auch heute (Stand: 24.5.22) noch zwei Gemeinden ohne einen einzigen Schüler aus der Ukraine und fünf mit einer Zahl von unter zehn. Dort macht eine Spezialklasse keinen Sinn. Aber in anderen Gemeinden gehen zum Teil über dreissig Kinder aus der Ukraine zur Schule. Dort ist es sinnvoll, diese separativ zu unterrichten, bis sie möglichst fit für die Regelklasse sind (v.a.
intensiv Deutsch). Wichtig ist mir die langfristige schulische Integrationsperspektive und zwar aus Vorsicht: Wenn die Flüchtlinge bald wieder nach Hause können, haben die Kinder mit einer zusätzlichen Fremdsprache (Deutsch) gewiss keinen Schaden genommen. Wenn es aber schlecht läuft und sie auch Ende 2023 noch nicht in die Ukraine zurückkehren können, wird die Rückkehr-Wahrscheinlichkeit markant sinken. Und dann kommen wir nicht um eine nachhaltige Integration herum. Und für diesen Fall will ich nicht ein Schuljahr mit ukrainischem Unterricht verloren haben.

Finanzierungsfragen
Schule kostet Geld, und je mehr Spezialklassen eine Gemeinde eröffnen muss, desto teurer wird es. Deshalb will auch der Kanton seinen finanziellen Beitrag leisten. Er möchte an die Gemeinden für jedes ukrainische Kind eine zusätzliche Normpauschale rückwirkend ausschütten. Dafür braucht er aber eine eigene gesetzliche Grundlage. Ein entsprechender Kantonsratsbeschluss ist notfallmässig ans Parlament überwiesen worden. Drängend ist aber auch die Frage der übergemeindlichen Solidarität: Es darf nicht sein, dass Gemeinden, die via Grossunterkünfte des Kantons übermässig «belastet» sind oder, dass Gemeinden (bspw. Baar), die überbelasteten Gemeinden (bspw. Menzingen) zur Hilfe kommen, auf ihren Kosten sitzen bleiben. Hier soll der gleiche Kantonsratsbeschluss Abhilfe leisten.

Aktuellste Entwicklungen
Die Zahlen entwickelten sich anders als ursprünglich erwartet. Aktuell rechnet der Bund mit 80-120‘000 Flüchtlingen bis im Herbst, aber nur noch 20-30 % im schulpflichtigen Alter. Der Verteilschlüssel für Flüchtlinge sieht vor, dass dem Kanton Zug 1,5 % zugewiesen werden, also 1200-1800 Ukrainer, davon 240-540 im schulpflichtigen Alter. Aktuell sind es 763 Flüchtlinge, wovon 154 Schulpflchtige. Speziell ist im Kanton Zug der hohe Anteil von privaten Unterbringungen («Gastfamilien»). Schweizweit sind 50 % Gastfamilien üblich, im Kanton Zug sind es 70 %. Das hat dem Kanton bei der Bereitstellung von Grossunterkünften wertvolle Zeit verschafft. Wir müssen aber davon ausgehen, dass ein guter Teil der Gastfamilien irgendwann «nicht mehr kann»
und die Flüchtlinge in Grossunterkünfte des Kantons wechseln müssen. Das wird für viel Bewegung sorgen. Operativ wird dies vor, während und nach den Sommerferien wohl DIE grosse Herausforderung für die Schulen sein.