Ich erinnere mich an meine eigene Maturafeier. Ich erinnere mich auch an die beste Rede an dieser Feier. Zwar nicht an den Inhalt, aber doch daran, dass sie sehr kurz war.

Und trotzdem: Übergänge im Leben soll man nicht einebnen oder verwischen, sondern sichtbar machen und markieren. Und dazu gehört auch, dass wir diese Übergänge feiern. Übergänge und Räume kennzeichnen unser ganzes Leben. Der Dichter Hermann Hesse beschreibt in einem seiner populärsten Gedichte diese heilige Ordnung der Lebensräume, die es heiter zu durchschreiten gilt.

Es ist so. Die Räume des Lebens wollen durchschritten werden. Nichts ist lächerlicher als ein erwachsener Mensch, der um keinen Preis den Raum der Jugend verlassen und sich nicht den Herausforderungen und Aufgaben der Erwachsenenwelt annehmen will. Nichts ist trauriger als ein Jugendlicher, der der Ausgelassenheit und der Risikobereitschaft der Jugend nichts abgewinnen kann. Und nichts ist schöner als eine Grossmutter oder ein Grossvater, die oder der sich die Zeit nimmt, um ganz Grossmutter oder Grossvater zu sein.

Dass jeder Raum des Lebens seine Pflichten und sein Mühsal hat, wissen wir alle. Ich gehe an dieser Stelle darum nicht näher drauf ein. Zum heiteren Durchschreiten des Lebens gehört aber auch, dass man die Rechte und Annehmlichkeiten eines jeden Raums in sich aufsaugt und sich am Mark des Lebens labt.

Liebe Maturandinnen und Maturanden, die Maturafeier markiert einen wichtigen Übergang. Freuen Sie sich über das Erreichte! Und ich kann Ihnen versichern: Ihre Freude wird an der Hochschule oder an der Universität kein Ende nehmen – sogar wenn Sie es nur halb so lustig haben sollten wie ich es gehabt habe. Ich bitte Sie deshalb: Feiern Sie heute ausgelassen. Geniessen Sie den Sommer, meinetwegen bis zum Semesteranfang. Sie haben es verdient. Was Sie nicht verdient haben, ist, mit einem Auto an einem Baum oder in einer Schlucht zu enden. Deshalb bitte ich Sie, dass Sie sich auch in den Momenten der grössten Ausgelassenheit ein Quäntchen Vernunft bewahren.

Ich habe mit Hermann Hesse begonnen, da ist es nur recht, dass ich mit Mark Twain aufhöre. Er hat etwas gesagt, das wunderbar zur heutigen Feier passt. «In 20 Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast. Also löse das Tau und verlasse den sicheren Hafen. Packe den Wind und segle fort. Erforsche! Träume!» Und genau das wünsche ich Ihnen. Meine lieben Maturandinnen und Maturanden, ich wünsche Ihnen dabei von Herzen alles Gute.