Ich freue mich ausserordentlich, dass ich heute bei Ihnen sein darf. Der Sicherheitsdirektor ist, zusammen mit dem gesamten Zuger Regierungsrat, in Interlaken an einem Seminar. Es ist aber nicht so, dass ich heute bei Ihnen bin, weil ich nicht in Interlaken bin. Umgekehrt ist es natürlich richtig: Ich bin nicht in Interlaken, weil ich heute bei Ihnen bin. Ich möchte es an dieser Stelle nicht unterlassen, Ihnen die besten Grüsse und Wünsche sowie den Dank des Gesamtregierungsrats zu überbringen. Der Regierungsrat schätzt die Zuger Offiziere enorm und unterstützt die OG immer wieder sehr gern.

Ich möchte an Beat Villigers Grusswort von letztem Jahr anknüpfen. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte er Schneidermeister Hediger aus Gottfried Kellers «Fähnlein der sieben Aufrechten» zitiert: «Keine Regierung und keine Bataillone vermögen Recht und Freiheit zu schützen, wo der Bürger nicht imstande ist, selber vor die Haustüre zu treten und nachzusehen, was es gibt.» Vor dieser Haustür spielt sich das ganze gesellschaftliche Leben ab: Politik, Wirtschaft, Kultur.

Was gibt es vor dieser Haustür in Sachen Sicherheitspolitik zu sehen? Und was gibt es vor dieser Haustür in Sachen Sicherheitspolitik zu tun?

Die Ausführungen, was es in Sachen Sicherheitspolitik und Sicherheit zu sehen gibt, darf ich am heutigen Abend KKdt Aldo Schellenberg überlassen. Ich bin sehr gespannt auf seine Ausführungen.

Aber was gibt es vor dieser Haustür zu tun? Am Ende des Zweiten Weltkriegs hat General Henri Guisan darauf eine einfache und einprägsame Antwort, ja fast eine Faustregel, gegeben: «Geachtet wird, wer sich verteidigen kann und will.»

Sich verteidigen können und sich verteidigen wollen: Um das ist es immer gegangen, um das geht es immer und um das wird es auch in Zukunft immer wieder gehen. Der General Guisan hat das aus eigener Erfahrung haargenau gewusst und dem Schweizer Volk aus diesem Grund ins Stammbuch geschrieben.
Über das Können wird gestritten, seit es Armeen gibt. Auch in der Schweiz sind wir geübt darin: Konzeptionen-Streit, Armee 95, Entwicklungsschritt 08/11, Weiterentwicklung der Armee… und in der Tat ist das eine wichtige Debatte: Die Frage, wie wir in einem Krieg kämpfen sollen. Sollen wir Goliath nacheifern oder vielleicht doch besser David?

In der anderen Debatte sind wir in meinen Augen aber nicht mehr so geübt — oder wir gehen zu rasch über sie hinweg: Ich meine die Debatte über das Wollen. Aber auch diese Debatte ist zentral! Und sie muss der Debatte über das Können zwingend vorangehen. Denn dort, wo man sich nicht mehr verteidigen will, wird es über kurz oder lang auch kein Können mehr geben. Vielleicht ist es so, dass uns Offizieren diese Debatte schwer fällt, weil wir selber vom Wollen überzeugt sind. Vielleicht sehen wir die Debatte logisch nicht. Aber wir kommen nicht darum herum, wieder vermehrt über das Wollen zu diskutieren.

«Was willst Du?» Das ist eine der ältesten pädagogischen Fragen. Sie ist nicht die einzige, aber sie ist eine ganz besonders wichtige, weil sie auf die Selbstbestimmung zielt. Die Frage zum Wollen führt zu den grundsätzlichen Fragen. Auch bei der Armee. Warum will ich mich verteidigen? Was will ich verteidigen? Eine Gesellschaft, die solchen Grundsatzfragen ausweicht — wahrscheinlich, weil sie sich über ihre Werte im Unklaren ist —, eine solche Gesellschaft schafft nicht nur die Armee, sondern im Ergebnis sich selber ab. Als Offiziersgesellschaft sind wir ganz besonders aufgerufen, uns in die Grundsatzdebatte einzubringen. Uns für das Wollen einzusetzen. Wir verfügen über die Mittel und das Know-how dazu, wir müssen es buchstäblich nur immer wieder wollen. Und selbstverständlich reicht es nicht, nur oberflächlich zu wollen. Der Tatbeweis ist der Ausdruck des echten Wollens. Dem Kind sagt man: «Entweder du willst oder willst nicht, aber wenn du willst, dann will…» Das hat sehr viel mit Selbstachtung zu tun.

2013 haben 3/4 der Schweizerinnen und Schweizer Ja zur Wehrpflicht gesagt. Heute leistet noch gut die Hälfte der jungen Schweizer Militärdienst. Wenn wir wissen, was wir wollen, dann müssen und dürfen wir auch vor dem Müssen keine Angst haben. Auch das ist eine einfache pädagogische Erkenntnis. In Bern ist sie noch nicht überall angekommen. Nur mit einer Uniform oder mit einer Armbinde kann das Zivildienst-Problem nicht gelöst werden. Im November hat der Bundesrat beschlossen, einen neuen Anlauf zu nehmen. Wir sind gespannt.

Sehr geehrte Damen und Herren Offiziere, liebe Kameraden: in einem Krieg will jeder können. Dazwischen wird man schnell bequem. Es braucht besondere Anstrengungen und besonderes Engagement. Unser Engagement! «Geachtet wird, wer sich verteidigen kann und will.»