Ich kann mich noch gut an meine eigene Maturafeier erinnern … und auch an die beste Rede an meiner Maturafeier … An den Inhalt zwar nicht mehr genau, aber ich weiss noch, dass sie sehr kurz war.

Und trotzdem: Heute ist ein guter Tag, um innezuhalten und zu feiern. Wir stehen an einem Übergang. Und an Übergängen müssen und dürfen wir uns Zeit nehmen. Meine Damen und Herren, liebe Maturandinnen und Maturanden, Sie alle haben zu diesem Freudentag entscheidend beigetragen. Deshalb mein Dank und meine Gratulationen an Sie alle voraus. Ich freue mich ausserordentlich, dass ich heute mit Ihnen feiern darf.

«Der wahre Schrecken», so hat das der Schriftsteller Kurt Vonnegut einmal zusammengefasst, «der wahre Schrecken besteht darin, eines Morgens aufzuwachen und zu realisieren, dass deine ehemalige Maturaklasse das Land führt.» So oder ähnlich hat sich vielleicht auch Jürg Scheuzger gefühlt … Es ist schon so: Es gibt ein Leben nach der Kanti.

Liebe Eltern, liebe Gäste, unsere Maturandinnen und Maturanden stehen am Ende ihrer sekundären Ausbildung. Die Kantonsschule haben sie abgeschlossen, es folgt eine Übergangszeit und dann in einigen Wochen der Eintritt in die Universitäten und Hochschulen.

Loslösung, Passage und Angliederung sind die wesentlichen Merkmale eines Übergangs. Vom Kindergarten in die Primarschule, von der Primarschule in die Kantonsschule, von der Kantonsschule an die Hochschule … Das Schulwesen hält einige solcher Übergänge in neue soziale Gruppen bereit. Wichtig ist, dass wir diese Übergänge nicht einebnen, unkenntlich machen oder achtlos darüber hinweggehen. Wichtig ist, dass wir diese Übergänge – so wie heute – sichtbar machen und feiern.

Das Feiern ist allerdings nicht das einzige Element des Übergangs. Auch der Ausblick in die nächsten Lebensräume, der Ausblick auf kommende Aufgaben … auch das gehört zum Übergang. Dieser Ausblick auf die Herausforderungen in der Zukunft ist kein «ABER». Der Ausblick ist auch nicht der konservative Mahnfinger des Bildungsdirektors. Dieser Ausblick ist ein «UND». Denn Lebensfreude und Lebenssinn entstehen nicht nur durch Rechte, sondern auch durch Lebensaufgaben, die wir annehmen und zu denen wir ja sagen.

«Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.» Dieser Satz stammt aus der Antrittsrede von John F. Kennedy. 1961 hat er damit eine ganze Generation befeuert … Nicht mit leeren Versprechungen, sondern mit der Erinnerung an die gemeinsame Verantwortung für die Gemeinschaft. Mit der Erinnerung daran, dass diese Gemeinschaft nur dann wachsen und blühen kann, wenn wir uns für diese Gemeinschaft einsetzen, wenn wir mehr geben als nehmen.

Davon ist nicht nur bei Kennedy die Rede. Auch in unserer eigenen Bundesverfassung gibt es eine sehr schöne Stelle zur persönlichen Verantwortung. Dazu findet sich, ganz zuvorderst und noch unter den allgemeinen Bestimmungen, der Artikel 6: «Jede Person nimmt Verantwortung für sich selber wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei.»

Jede Person trägt eine individuelle und eine gesellschaftliche Verantwortung. Das ist zwar nicht so einprägsam wie bei Kennedy, aber schlicht und klar in der Aussage. Ich übersetze diese Verantwortung des Individuums mit Pflicht und Kür.

Die Pflicht ist schnell beschrieben: Der Mensch soll der Gemeinschaft nicht zur Last fallen. Oder vielleicht noch etwas mehr auf die Jugend bezogen: Der junge Mensch soll am Ende aller Ausbildungen für sich selber schauen können. Das ist die Pflicht. Wer der Gemeinschaft nicht zur Last fällt und für sich selber schaut, der tut schon sehr viel für die Gemeinschaft. Und die Kür könnte dann beispielsweise darin bestehen, anderen Menschen, denen die Pflichterfüllung Mühe bereitet, bei der Pflichterfüllung zu helfen.

Der Gemeinschaft nicht zur Last fallen … das mag als Forderung in unseren modernen Ohren hart klingen. Aber ich rede hier auch nicht über die Erwartungen innerhalb einer Familie, sondern über die Erwartungen des Staates an seine mündigen Bürgerinnen und Bürger. Die riesengrosse Mehrheit von Ihnen, liebe Maturandinnen und Maturanden, wird am Ende aller Ausbildungen problemlos für sich selber sorgen können. Und viele von Ihnen werden über die Pflicht hinaus auch noch Reserven für die Kür haben und andere Menschen in ihrer Pflichterfüllung unterstützen – durch Teilhabe an Ihrer Schaffenskraft, an ihrer Phantasie und an Ihrer Liebe. Darum ging es Kennedy in seiner Antrittsrede. Darum geht es bei Artikel 6 in unserer Bundesverfassung.

In ihrem Alter und mit Ihren enormen Kräften – die ich hier vorne richtig spüren kann – liebe Maturandinnen und Maturanden … mit Ihrer jugendlichen Energie können Sie auch schon heute zur Kür ansetzen. Und ich weiss, dass viele von Ihnen dies auch bereits tun. Mit der Kür können Führungsaufgaben in Vereinen gemeint sein, der Dienst im Militär, im Zivildienst, im Bevölkerungschutz, in der Kirche oder etwa auch in der Feuerwehr.

Auch die politische Arbeit wird jetzt verstärkt zu einer Option. Die besten politischen Lösungen liegen nicht einfach auf der Strasse. Um die besten politischen Lösungen muss gerungen werden. Und dieses demokratische Ringen braucht das Engagement und die Kraft der Jugend ganz besonders. Ende Februar war ich als Jurymitglied an einem Debattierwettkampf für Jugendliche in Luzern. Die Schülerinnen und Schüler der Kanti Zug haben hervorragend abgeschnitten. Ich weiss, dass Politik und Debatte an der Kanti Zug kein Mauerblümchen-Dasein fristen. Im Gegenteil. Und das freut mich enorm, lieber Peter. Jeder und jede kann etwas für die Gemeinschaft machen. Das muss nicht zwingend Politik sein, aber es kann auch Politik sein.

Damit komme ich zum Schluss meiner Ausführungen. Nach soviel Pflicht und Kür komme ich nochmals auf das Feiern zurück.

Hermann Hesse hat gesagt, dass wir unsere Lebens-räume heiter durchschreiten sollen … und an keinem wie an einer Heimat hängen sollen. Und zum heiteren Durchschreiten des Lebens gehört, dass wir auch die Annehmlichkeiten eines jeden Lebensraums in uns aufsaugen und uns am Mark des Lebens laben.

Und das gilt heute insbesondere für Sie, liebe Maturandinnen und Maturanden: Feiern Sie diesen Übergang, geniessen Sie diese Maturazeit … Auch die Ausgelassenheit und verrückte Ideen gehören zum Leben. Also feiern Sie, Sie haben es verdient. Was Sie und wir alle nicht verdient haben, ist, dass Sie mit einem Auto an einem Baum oder in einem Tobel enden. Deshalb bitte ich Sie, dass Sie sich auch in den Momenten der grössten Ausgelassenheit ein Quäntchen Vernunft bewahren. Alkohol und Auto – lassen Sie unbedingt die Finger davon. Es gibt genügend schöne Dinge, von denen Sie die Finger nicht lassen müssen. Liebe Maturandinnen und Maturanden, geniessen Sie diese Zeit in vollen Zügen. Und das gilt auch für Sie, liebe Eltern und Lehrpersonen. Ich wünsche uns allen einen schönen Sommer … irgendeinmal muss er ja kommen.

Liebe Eltern und Lehrpersonen, zusammen mit Ihnen bin ich stolz auf das, was Ihre Kinder und Schülerinnen und Schüler erreicht haben.

Wir alle werden in einigen Jahren sicher nicht erschrecken, wenn dieser Maturajahrgang einmal Verantwortung für den Kanton und für das Land übernehmen wird. Im Gegenteil. Wir werden das feiern.