(7.2.22, Beitrag in «Zuger Wirtschaft»)

Fast ein Viertel der Zuger Schülerinnen und Schüler tritt heute nach der Primarschule direkt ans Langzeitgymnasium über. Das ist über dem Schweizer Schnitt und weit über dem Deutschschweizer Schnitt. Die Entwicklung war in den letzten fünf Jahren besonders dynamisch. In dieser Zeit wurden wir Zuger nicht klüger. Mit dieser Auffassung bin ich nicht alleine. Elsbeth
Stern, Lern- und Intelligenzforscherin an der ETH Zürich, kommt aufgrund ihrer Forschungen zum Schluss, dass in Schweizer Gymnasien Kinder sind, die dort nicht hingehören. Das ist in erster Linie ein Problem für diese Kinder und Jugendlichen. Ihre Entfaltung bleibt unvollkommen, weil uns Erwachsenen der Mut zum Steuern fehlt.

Steuerung hilft
Ich liebe alle Bildungswege und bin überzeugt, dass etwas mehr Steuerung am Ende der Primarschule gerade auch dem Langzeitgymnasium helfen wird. Es ist nämlich kein Zufall, dass alle anderen Kantone mit sehr hohen Gymnasialquoten gar keine Langzeitgymnasien mehr kennen. Ich will aber ein Langzeitgymnasium und auch deswegen braucht es den Mut zum Steuern.

Aus der Tatsache, dass immer mehr Zuger Kinder nach der Primarschule direkt ans Langzeitgymnasium wechseln, resultieren sich gegenseitig verstärkende Problemkreise:
• die Schülerinnen und Schüler sind nicht da, wo sie am besten gefördert werden;
• immer mehr Schülerinnen und Schüler werden am Berufs- und Schulwahlprozess der gemeindlichen Oberstufen vorbeigelotst;
• das Langzeitgymnasium wird im Kern gefährdet, weil es seinen Charakter als Ort für die besonders leistungsfähigen Schülerinnen und Schüler am Ende der Primarschule verliert;
• den Oberstufen der gemeindlichen Schulen fehlen zunehmend Schülerinnen und Schüler im stärksten Segment und damit die schulischen Leistungsträgerinnen und Leistungsträger, welche für die ganze Schulqualität eine grosse Rolle spielen;
• damit verkleinert sich auch der Kandidatenkreis für die an die Oberstufen der gemeindlichen Schulen anschliessenden Mittelschulen (Kurzzeitgymnasium, FMS und WMS) sowie die Berufsbildung;
• gegen den Fachkräftemangel ist der Weg über Berufslehre und Fachhochschule oft wirksamer, weil die Fachhochschulen mit ihrer Nähe zur Wirtschaft und Praxis schneller auf Überangebot und Mangellagen reagieren als die Hochschulen.

Alles kein Problem, klang und klingt es von links. Für die Linke ist Chancengerechtigkeit erst erfüllt, wenn jeder das erhält, was der Plan vorsieht. Im Moment ist das ein Hochschulstudium – und womöglich dann noch eine Stelle beim Staat.

Warum reden wir aneinander vorbei?
Schwerer zu verstehen fällt mir der Widerstand gegen strengere Übertrittsvorgaben und echte Steuerung seitens der Bürgerlichen. Warum reden wir hier aneinander vorbei? Mit Leistung, Vielfalt und der Berufsbildung haben wir doch starke gemeinsame Werte. Die Motion von Kurt Balmer und Roger Wiederkehr sowie 13 (!) Mitunterzeichnenden quer durch alle bürgerlichen Parteien bietet die Möglichkeit, aufeinander zuzugehen. Die Motion verlangt eine stärkere Steuerung beim Gymnasium. Das ist wichtig. Ob Fachkräftemangel, echte Chancengerechtigkeit, vielfältige Bildungswege mit einer starken Berufsbildung und einem profilierten Gymnasium: Dies alles braucht wieder etwas mehr Steuerung beim Übertritt nach der 6. Klasse. Das muss über die Leistung und nicht über Quoten gehen.

Was denken Sie darüber ? Sprechen Sie die bürgerlichen Kantonsrätinnen und Kantonsräte in Ihrem Umfeld doch direkt darauf an. Bildungsvielfalt braucht den Mut zum Steuern. So schaffen wir Chancen für unsere Jugend. Das ist Chancengerechtigkeit.