(1.6.22, Interview in der Zuger Woche)

Der Zuger Bildungsdirektor Stephan Schleiss hat die neuen Zielsetzungen für die Volksschulen vorgestellt: Das Betreuungsangebot wird ausgebaut

Betreuung auch in den Ferien, mehr Digitalisierung und eine Personalpolitik, die den Biografien der Lehrpersonen Rechnung trägt: Regierungsrat Stephan Schleiss nimmt Stellung zur neuen Schulstrategie.

Die Zuger Volksschulen sollen sich zu Schulen mit modularen Tagesstrukturen entwickeln. Neben der schulergänzenden Betreuung möchte man in Zukunft sogar eine Betreuung in den Ferien gewährleisten. Das ist sehr ambitioniert.
Ja, durchaus. Im Kantonsrat wurde per Motion Ferienbetreuung während zwölf Wochen verlangt. Die Regierung und die Gemeinden hätten
acht Wochen präferiert. Aber die Motion wurde für erheblich erklärt, darum planen wir jetzt mit zwölf Wochen. Wir merken zwar, dass es für
eine solche Ferienbetreuung in den Gemeinden zur Zeit noch keinen riesigen Bedarf gibt, aber die Erfahrung zeigt, dass mit dem Angebot auch die Nachfrage wächst.

Die Idee wäre dann, dass Eltern während der Ferien eine gewisse Zeit an Betreuung einfach so buchen könnten – zum Beispiel zwei Wochen lang?
Jawohl. Allerdings darf man sich das nicht als ein Lager vorstellen. Es geht um die Betreuung von morgens bis abends, damit die Eltern während den Ferien weiterarbeiten können, wenn sie das wollen. Die Idee ist nicht, dass die Eltern zwei Wochen auf die Malediven fliegen und die Kinder der Schule überlassen.

Was würde denn eine solche Betreuung kosten?
Das ist noch nicht im Detail definiert. Das ist auch Sache der Gemeinden. Der Kanton will die Gemeinden via Schulgesetz verpflichten, dass es ausreichend Plätze gibt und dass keine Wartelisten entstehen, zum Beispiel bei Mittagstischen. Aber natürlich verpflichtet sich der Kanton im Gegenzug auch, seinen Teil zur Mitfinanzierung zu leisten.

Personell bedeutet das aber sicher einen höheren Aufwand.
Das ist von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich und hat mit der Bevölkerungsstruktur zu tun. In der Stadt wird das Betreuungsangebot
sicher öfter nachgefragt und man ist dort personell schon einigermassen gut aufgestellt, dafür stellen sich dort Raumprobleme. Andere Gemeinden müssen personell aufstocken.

Sie wollen auch die Digitalisierung an den Schulen vorantreiben. Wohin soll die Reise gehen? Werden die Bücher verschwinden und die Lehrmittel werden nur noch digital verteilt?
Die Lehrmittel können wir nicht beeinflussen, das muss der Markt regeln. Aber wir können darauf achten, dass die Schulen bei ihrer Ausrüstung fit sind für die Digitalisierung. In den letzten vier Jahren haben wir uns auch damit beschäftigt, ab welcher Klasse jeder Schülerin
und jedem Schüler ein eigener Laptop oder ein Tablet zur Verfügung gestellt werden soll. Wir haben festgelegt, dass dies ab der 5. Klasse passieren soll. Das ist auch für die Gestaltung des Unterrichts relevant. Aber auch davor ist die Schule natürlich keine computerfreie Zone,
auch in den unteren Klassen werden Geräte zur Verfügung stehen, zum Beispiel für Gruppenarbeiten.

Wird auch Programmieren gelehrt?
Programmieren ist sicher kein eigenes Fach, kann aber später sicher ein Teil des Unterrichts sein. Informatik ist ja ein fachübergreifendes
Thema und die Inhalte werden laufend weiterentwickelt. Ein wichtiges Thema ist dabei sicher auch die Mediennutzung. Also, dass man den
Schülern beibringt, was vertrauenswürdige Quellen im Internet sind und wo sie eher vorsichtig sein sollten, um nicht Opfer von Fake News
zu werden.

In den Zielen heisst es: «An die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler werden hohe Erwartungen gerichtet». Sind die Lernenden nicht schon genug unter Druck?
Diese Formulierung muss man im Umfeld des individualisierten Schulbetriebs sehen. Wir wollen bei den Schülern ja ganz bewusst unterschiedliche Geschwindigkeiten zulassen. Aber das heisst auch, dass die Lehrpersonen jeden Schüler und jede Schülerin mit zusätzlichem
«Futter» versorgen können müssen. Ausserdem stellen wir uns auch auf den Standpunkt, dass aus dem Unterricht etwas Messbares rauskommen soll. Das heisst, wir schauen nicht nur, dass die Kinder ihre Ziele erreichen, sondern wir wollen die Fachlichkeit wieder verstärkt in den Vordergrund rücken. Wir haben im Bildungsrat beschlossen, dass wir in der vierten Klasse eine Leistungsmessung in den Kernfächern machen. Somit können wir feststellen, wo jede Klasse steht und sie untereinander vergleichen. Das ist nicht nur für die Lehrer interessant, sondern auch für die Schulleiter, die Rektoren und auch für den Kanton. Wenn wir zum Beispiel sehen, dass eine Klasse in Mathematik viel weiter ist als alle anderen, dann können wir schauen, was dort besser gemacht wird. Aber es soll natürlich kein Rating geben und die Daten
werden auch nicht veröffentlicht. Sie werden nur für die pädagogische Arbeit der Schulen genutzt.

Alle reden von Lehrermangel. In den Zielen heisst es, die Schulen betreiben eine «biografisch orientierte Personalpolitik». Was ist damit gemeint?
Das ist lustig. Dieser Begriff hat im Bildungsrat und auch in den Gemeinden zu grossen Diskussionen geführt. Gemeint ist damit, dass sich
die Bedürfnisse derLehrpersonen im Zeitraum zwischen 25 und 65 Jahren laufend ändern. Vielleicht wird eine Lehrerin Mutter. Dann wollen
wir dafür schauen, dass sie vielleicht ein kleineres Pensum behalten und dies später dann nach Bedarf wieder erhöhen kann. Oder sie
möchte sich vielleicht nach ein paar Jahren weiterbilden und eine Ausbildung zur Schulleiterin machen. Auch dort wollen wir helfen und versuchen, dies zu ermöglichen. Eben, indem wir die Biografie der Lehrperson in die Überlegungen miteinbeziehen.

Ich dachte zuerst, es gehe darum, Quereinsteigern den Zugang zum Lehrberuf zu erleichtern.
Das ist nicht Aufgabe der Schule. Dafür ist die Pädagogische Hochschule Zug zuständig. Diese bietet für Quereinsteiger verkürzte Studien an,
damit zum Beispiel auch KV-Absolventen, Schreiner oder Journalisten einen Zugang zum Lehrberuf bekommen können. Diese Quereinsteiger sind übrigens sehr gefragt, denn sie verfügen nicht nur über eine pädagogische Ausbildung, sondern haben auch Erfahrungen in der Privatwirtschaft gesammelt.

Die neuen Ziele für die Volkshochschulen sind jetzt formuliert. Was ist für Sie das Wichtigste?
Für mich ist es am wichtigsten, dass wir als Kanton mit den Gemeinden einen guten und tiefen Dialog pflegen und dass man sich regelmässig
verständigt. Wir müssen gemeinsame Ziele schaffen und versuchen, dass der Kanton und die Gemeinden am gleichen Strick ziehen – und
zwar in die selbe Richtung.

Haben Sie selbst Schulkinder?
Leider nein.

Dann hören Sie wahrscheinlich oft von Kollegen und Freunden von Schulproblemen.
Das sind nicht nur Kollegen. Vielfach sind es spontane Meldungen, die können telefonisch kommen oder per Mail. Und wichtig sind für
mich natürlich auch die Schulbesuche. Ich glaube, ich habe einen guten Eindruck davon, was die strittigen Fragen sind. Und es ist ja
auch schön, wenn einen die Leute ansprechen. Schule ist für die meisten Menschen ein interessantes Thema.

Sprechen wir noch kurz über ukrainische Flüchtlingskinder. Wie sieht die Lage aus?
Wir rechnen mit 450 Schulkindern bis im Spätherbst. Diese wollen wir in die Regelklassen integrieren. So können Ressourcen geschont werden. Stellen Sie sich vor, Sie würden die Kinder in Kleinklassen packen. Dann bräuchten Sie 30 Klassen, 30 Lehrer und 30 Räume. Das
Schulsystem wäre im Nu überlastet. Durch die Integration können wir mit den bestehenden Ressourcen arbeiten und ich bin überzeugt, dass
die Integration auch für die Flüchtlingskinder viel besser ist als die Schaffung von Sonderklassen.