(19.5.22, Interview im Geschäftsbericht der Ausgleichskasse Zug)

Stephan Schleiss, Sie haben Wirtschaft studiert und waren im Finanzbereich tätig. Seit bald 20 Jahren sind Sie politisch engagiert. Was führte Sie in die Politik und was treibt Sie an?
Mein Einstieg in die Politik verlief ganz klassisch. Ich wurde von meiner Ortspartei 2002 für eine Kandidatur auf der Kantonsratsliste angefragt. Mich trieb damals das allgemeine Interesse an Politik an und auch eine Faszination für das Schweizerische Milizsystem. Das ist bis heute so geblieben, auch wenn ich persönlich seit 2011 mit dem Wechsel in den Regierungsrat nicht mehr Milizpolitiker bin. Als Ökonom bin ich seit jeher an Ordnungen und Ordnungssystemen interessiert. Das hat sehr viel mit Politik zu tun. Etwas für lange Frist gut zu regeln, ist mir ein grosser Antrieb.

Sie sind seit über zehn Jahren im Zuger Regierungsrat. Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Amt? Und was weniger?
In einer Kollegialregierung ist man zugleich Politiker und Manager. Man gestaltet politische Prozesse und sucht Lösungen im Gremium und zwar umfassend, über die eigenen Direktionsgrenze hinaus. Innerhalb der eigenen Direktion steht die Umsetzungsverantwortung im Vordergrund. Diese Vielfalt gefällt mir. Ein besonders schöner Aspekt in einem kleinen Kanton wie Zug ist der Umstand, dass man viele Kontakte zu Partnern und auch zur Bevölkerung pflegen kann. Negative Aspekte kann ich kaum benennen. Das Regierungsamt ist zuweilen sehr fordernd und die Arbeitslast hoch. Aber das wusste ich ja schon vorher. Darauf habe ich mich aktiv eingelassen, deshalb will ich mich auch nicht «beklagen».

Haben Sie ein (politisches) Vorbild?
Es gibt immer wieder historische oder zeitgenössische Politikerinnen und Politiker, die mich beeindrucken oder gar inspirieren: durch ihr Lebenswerk, durch ihr Charisma oder durch ihre Haltungen in Grundsatzfragen. Aber ein eigentliches Vorbild, dem ich nachstrebe, gibt es nicht.

Als Bildungsdirektor unterstehen Ihnen die Ämter für gemeindliche Schulen, für Kultur, für Mittelschulen und Pädagogische Hochschulen, das Berufsinformationszentrum BIZ, die Fachmittelschule FMS, die Kantonsschulen, die Pädagogische Hochschule und die Wirtschaftsmittelschule WMS. Was beschäftigt Sie aktuell besonders?
Es sind die strategischen und politischen Fragen, die im Vordergrund stehen. Beispielsweise die Sicherstellung von genügend Schulraum für die Kantonsschulen, die Strategiearbeit zusammen mit den Gremien für die gemeindlichen Schulen und die Mittelschulen. Oder Fragen zur Steuerung der Bildungswege.

Welches sind Ihre Schwerpunkte, Ziele?
Die Sicherung vielfältiger Bildungswege auf der kantonalen und schweizerischen Ebene, namentlich das Nebeneinander von Berufsbildung und Gymnasium nach der obligatorischen Schule. Ein damit verbundener wichtiger Punkt ist der Erhalt und die Förderung der Leistungsfähigkeit der Schulen in den Kernfächern auf allen Stufen.

Rund um COVID-19 waren Sie verantwortlich für die Umsetzung der Massnahmen an den Schulen. Was waren die grössten Herausforderungen?
Erstens musste ich mir in sehr kurzer Zeit immer wieder einen Überblick verschaffen, das war zuweilen hektisch. Zweitens ging es darum, rasch zu handeln. Es ging darum loszulegen, auch wenn die Lösung noch nicht zu hundert Prozent definiert war, bspw. beim Fernunterricht im ersten Lockdown oder dann bei den Reihentestungen. Da musste ich viel kommunizieren, um die Beteiligten zu überzeugen und im Boot zu halten. Drittens gab es in dieser Zeit zwar eine grosse Mehrheit, die die Massnahmen mittrug, aber eben auch Menschen, denen diese zu weit oder zu wenig weit gingen. Hier mussten die Schulen viel Kommunikationsarbeit leisten, und dazu trug ich auch bei.
Was mich an COVID-19 als Politiker an verantwortlicher Stelle sehr belastete, war der «Notrechtsmodus». Die Solidität unserer normalen politischen Prozesse ist mir wichtig. Auch wenn dies manchmal nur als Langsamkeit wahrgenommen wird. Ich hoffe, nach COVID-19 lehrt man dies wieder mehr zu schätzen.

Wie erholten Sie sich von der intensiven Zeit rund um Corona?
Mit gezielter Entschleunigung: Lesen, Kochen, Rennvelo.

Die «Weiterentwicklung der IV» trat am 1. Januar 2022 in Kraft. Sie will insbesondere Kinder und Jugendliche mit gesundheitlichen Einschränkungen gezielter unterstützen. Wie stehen Sie dazu?
Ich begrüsse diese Weiterentwicklung. Über ihren Integrationsauftrag sollen und werden die Schulen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.

Wie soll es mit der sozialen Sicherheit im Kanton Zug und den Schweizer Sozialwerken weitergehen?
Ich beurteile die Lage generell als sehr gut, auch wenn ich in diesem Bereich kein Fachmann bin. Sorge macht mir die Altersvorsorge, wo sich aufgrund der Demografie und blockierter politischer Prozesse ein grosser Reformbedarf angestaut hat. Spannend finde ich in diesem Zusammenhang, dass Jungpolitiker eine Initiative für eine AHV-Reform zustande gebracht haben. Ich unterstütze das sehr.

Oft sieht man Sie auf dem Velo durch Zug fahren. Was bedeutet Ihnen Bewegung? Und was schätzen Sie am Kanton Zug besonders?
Bewegung ist ein guter Ausgleich für mich als «Bürogummi». Wenn ich das vernachlässige, hat das rasch auch Auswirkungen auf das Gemüt. Am Kanton Zug
schätze ich die berühmten «kurzen Wege», und zwar nicht nur beim Velofahren sondern auch im übertragenen Sinn: Verwaltung und Wirtschaft und Bevölkerung kommen schnell in Kontakt miteinander und können Lösungen finden.